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Raptors: Wie aus Missgunst zuerst zweifelhafte Sympathie entstand und dann Liebe wurde

…von Muggsy (Bluesky)

Ohne Fußball geht’s nimmer
Meine Reise als Fan des orangen Leders fing mit des deutschen zweitliebstes Kind an: König Fußball, genauer dem Format Bohndesliga der sympathischen Nerds aus Hamburg, den Rocket Beans. Dort war ein Fan des VfL Wolfsburg zu Gast, der bei einem Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Zeuge von rassistischen Aktionen gegen Leroy Sané und Ilkay Gündogan wurde und bei den Beans nicht nur über den 29. Spieltag der Saison 2018/2019 sprach, sondern auch über seine Erlebnisse beim besagten Länderspiel: André Voigt.

First Steps
Dré war und ist in den Landen des deutschen Basketballs bekannt, war mir aber kein Begriff. Ich kannte und hasste Basketball nur aus dem Sportunterricht (Vielen Dank geht raus an die Sportlehrerin, die das Spiel miserabel erklärt hat und jeden kleinsten Kontakt abgepfiffen hat). Dirk Nowitzki kannte ich zwar und durch den Sportteil von RTL Aktuell war mir auch bekannt, dass er mit den Mavericks Meister geworden ist, aber nur durch Auftritte in Benefiz-Fußballspielen kannte ich sein Gesicht und die Gesamtkomposition erinnerte ein wenig an Peter Crouch. Auch war mein damals 16-jähriges Ich eher über den Namen Mavericks verwundert (Top Gun kannte ich zu dem Zeitpunkt nicht) als über die Tatsache, dass ein deutscher Spieler Meister in der NBA wurde. Dann kam dieser grundsympathische Auftritt von Dré und ich dachte mir: Wenn die Basketball-Community so korrekt ist, dann muss ich dem Sport mal eine Chance geben.

Vernarrt auf dem zweiten Blick
Ich hatte kurz darauf einmal reingeschaut, aber es hat mich nicht gecatcht. Ende der Geschichte? Mitnichten. Denn wenn man bis 2020 interessenstechnisch ausgelastet war, so änderte sich alles mit COVID-19. Man hatte auf einmal Zeit. Und irgendwann ist man mit den etablierten Interessen durch und man schaut sich andere Dinge mal an. So kam es dazu, dass es mittlerweile Mai 2021 war und ich mich nochmal mit der NBA beschäftigt hatte. Und so bin ich in das Play-In-Spiel der Warriors gegen die Grizzlies gestolpert und es passierte: Der erste Spieler zog mich in seinen Bann (und enttäuschte mich später gänzlich), Ja Morant.

Grizzlies? Nuggets? Oder doch jemand anderes?
Wer den Titel gelesen hat, wird feststellen: “Da steht ja weder noch? Wo sind denn die Kanadier?” Keine Sorge, da kommen wir noch hin. Die Grizzlies, wenn auch äußerst unterhaltsam, haben mich schnell wieder kalt gelassen (zum Glück). Und so fing ich an, mich mit der Historie der NBA, den aktuellen Spielern und den laufenden Playoffs zu beschäftigen. Und ich muss sagen, dass mich die Suns in diesem Run äußerst gut unterhalten haben und ich mir gewünscht hätte, dass sie sich ihren ersten Titel holen würden. Es hat aber nicht gereicht, um Fan zu werden (zum Glück).
Die historisch besten Teams, die Lakers und die Celtics, haben mich nie wirklich interessiert, auch wenn Bill Russell einen nicht häufig übertroffenen Mehrwert auf die Gesellschaft hatte und er sehr vermisst wird. Auch Jerry West, getrieben aufgrund seiner Erfahrungen und der Angst vor dem Versagen, was irgendwann einer selbsterfüllenden Prophezeiung glich, wirkte immer nahbar und sympathisch, dazu hatte er wahrscheinlich den besten Monat, den jemals ein GM hatte (Ende Juni bis Ende Juli 1996). Auch er wird sehr vermisst. Welche historisch erfolgreichen Teams gab es also noch? Die Bulls? Ne, Jordan ist mir gänzlich unsympathisch, auch wenn er sportlich nahezu über jedem anderen thront. Die Warriors? Auch wenn ich die KD-Warriors für das beste Team aller Zeiten halte, so habe ich doch eine starke Abneigung gegenüber dem Team. Die Spurs? Später mehr.
Bei den historisch besten Teams wurde ich nicht fündig, wie ist es denn mit dem besten Spieler? Da habe ich mich das erste Mal mit den Meinungen von Experten auseinandergesetzt und bin so auf Journalisten gestoßen, deren Content ich bis heute verfolge: Ole Frerks und Max Marbeiter mit ihrem Korbjäger-Podcast, Jonathan Walker (mein erster Impuls war es, seinen Namen auf Englisch auszusprechen) von Jeden Tag NBA und natürlich auch André Voigt, der quartalsweise meine Basketballliteratur aufstockt.
Und jeder nannte einen Serben, der sehr gut spielt, seine wahre Genialität aber erst in den Advanced Stats gezeigt hat, Nikola Jokić. Und nun, sie hatten Recht. Und tatsächlich war ich dann eine Zeit lang “Fan” der Nuggets, bis zur Niederlage in den Playoffs gegen die Warriors 2022.

Sympathie aus Abneigung
Im Arbeitsleben hat man manchmal Kollegen, die zwar an sich sympathisch sind, aber man einfach nicht leiden kann. So einer kam 2021 ins Unternehmen. Und er war Warriors-Fan, seit den KD-Warriors. Er hatte eine naiv-kompetitive Arroganz, die sich immer gezeigt hat, wenn die Warriors gewonnen haben. Und 2021/22 haben sie nicht nur häufiger gewonnen, am Ende sprang ja auch der Titel raus. Und das hat er die Basketball-Fans der Firma spüren lassen. Mein großer Vorteil: Er wusste nicht, dass ich Nuggets-”Fan” bin. Die Sympathie mit den Nuggets ist sowieso immer weniger geworden, also verfolgte ich einen neuen Ansatz: Wer fügte den unbesiegbar wirkenden Warriors die größte Niederlage zu? Für diese Antwort müssen wir ein wenig prähistorisch werden.

Oh Canada?
1995 wurde aus der US-Amerikanischen NBA eine internationale Liga, man hatte sich über die nördliche Grenze getraut. Im Westen kamen die Vancouver Grizzlies dazu (und blieben leider nicht lange), im Osten hat man sich den Hype um Jurassic Park zum Nutzen gemacht und die Toronto Raptors ins Leben gerufen. Erste Gemeinsamkeit zwischen Toronto und mir: Auch ich hatte im Jahr 1995 das Licht der Welt erblickt. Und ähnlich wie jedes neugeborene Kind haben auch die meisten Expansion-Teams ihre Schwierigkeiten am Anfang der Existenz. Während ich mit 3 Jahren angefangen habe, Erinnerungen aufzubauen, haben die Raptors angefangen, sich dank ihrem Draft-Pick 1998 in die Erinnerungen der NBA-Fans und einer ganzen Nation zu spielen. Spätestens im Jahr 2000 hatte er die Toronto Raptors auf die Landkarte gesetzt: Vince Carter. Der Dunk Contest, die Serie gegen die Sixers 2001, der Quasi-Streik 2004. Die komplette Air-Canada-Experience auf das Kürzeste zusammengefasst. [Filmtipp dazu: „The Carter Effect“, Filmempfehlungen]

Dann kam die unschöne Phase: Man hatte mit Chris Bosh einen All-Star an der Spitze, aber man versäumte es, ihm ein gutes Team an die Seite zu stellen. Auch hatte man das unrühmliche Vergnügen, auf der falschen Seite von Kobe Bryants 81-Punkte-Spiel zu stehen. Und dann geht Bosh nach Miami? Doch dann kam der heute in Raptors-Kreisen geliebte Tweet: „Don’t worry, I got us”. DeMar DeRozan hat uns, zusammen mit Kyle Lowry, bis in die Conference Finals getragen, aber das Ceiling im Osten hatte GOAT-Niveau. Dann kam alles zusammen: LeBron ging in den Westen, DeRozan wurde gegen Kawhi Leonard getradet, der etwas zu beweisen hatte (es tut mir immer noch leid für DeMar) und das Team war so komplett wie nie zuvor. Aber auch das hätte nicht gereicht gegen diese Übermacht aus der Bay Area, wenn es nicht die Verletzungen von Thompson und Durant gegeben hätte. Aber: Larry O’Brien ging erstmals über die Grenze und ein ganzes Land feierte die Meisterschaft.

Raptors: Der Anhängerschaft erster Teil
Ist das ein echt komischer Grund, um Fan eines Teams zu werden? Jup. Hat es mich in diesem Moment interessiert? Nö. Aber irgendwann, nachdem ich den Arbeitgeber gewechselt hatte und nicht mehr der Vergleich zwischen meinem Kollegen und mir stattfand, ist auch mir aufgefallen, dass das ein ziemlich bescheidener Grund war und ich die aktuelle Richtung des Teams nicht gut fand, auch wenn ich Barnes und Siakam großartig fand und finde. Trotzdem gab es ein paar Highlights zu feiern, wie zum Beispiel das erste 50-Punkte-Spiel von Spicy P. Auch die Hoffnung, dass Dennis in Toronto funktionieren könnte, hat mein Fantum am Leben erhalten. Spätestens mit dem Trade von Dennis und Pascal war der Ofen aber ziemlich aus.

Jetzt wird es wirklich dumm
Ich habe seitdem und auch zwischendurch meine “Lieblingsteams” öfter gewechselt wie meine Unterhosen, ich habe mir alles irgendwie schöngeredet und immer einen Grund für den Wechsel gefunden. Da waren es mal die Spurs, die Heat, die Supersonics und die Knicks/Nets. Auch eine Rückkehr zu den Nuggets fand statt, da aber eher aus dem Grund, dass die Broncos mein Lieblingsteam in der NFL sind und ich den Tick hatte, dass meine Lieblingsteams aus der gleichen Stadt kommen sollen.

Eine kurze Aufschlüsselung:

Und so habe ich mich immer wieder in diesem Kreis gedreht und mir gedacht: “Was wäre, wenn ich Fan von diesem Team oder diesem Team bin und was biete ich da für eine Angriffsfläche?” Dann hat mir meine Frau den Kopf gewaschen und mir aufgezeigt, dass ich überall etwas finden werde, was mir missfällt, wenn ich tief genug danach grabe. Eine Pro-und-Kontra-Liste, die eigentlich gar nicht geholfen hat und einem Post auf Bluesky mit helfenden Antworten später kommen wir zur Antwort:

Raptors: Der Anhängerschaft finaler Teil
Meine Liebe zum Basketball kam spät, aber intensiv. Und als Deutscher in der wahrscheinlich besten Zeit, zumindest wenn es um die Nationalmannschaft geht. So konnte sich auch meine Mutter dank der Europameisterschaft 2022 für diesen Sport begeistern, vor allem für das Spiel von Dennis Schröder, der fortan dafür sorgte, dass sie die Ergebnisse der Lakers verfolgte. Und zugleich hat sie sich immer gemerkt: Der Sohn ist Raptors-Fan. Als es dann im Juni 2023 hieß, dass ihr Lieblingsspieler zu dem Lieblingsteam ihres Sohnes wechselt, war sie eines ihrer letzten Male im Leben richtig glücklich.

Und im größten Erfolg unserer Basketballnation wird für mich auch immer einer der größten Verluste in meinem Leben stehen. Am Morgen des 29.08.2023 bekam ich einen Anruf, der abzusehen, aber trotzdem erschütternd war: Meine Mutter ist ihrem Krebsleiden erlegen. Als ich am Tag ihrer Beerdigung komplett aufgelöst wieder nach Hause kam, wurde ich Zeuge des letzten Viertels des Spiels Deutschland gegen die USA. Im Zuge größter Trauer kam die Achterbahnfahrt zur größten Freude und Unglaube. Als wir am 10.09.2023 auch noch gegen die Serben gewannen und wir uns zum Weltmeister im Basketball krönen konnten, habe ich diesen Erfolg für immer in Verbindung mit meiner Mutter gebracht. Während ihr Geburtsdatum und ihr Sterbedatum die 1 bilden, bilden Startdatum und Enddatum der Weltmeisterschaft die 7, gemeinsam steht auf meinem linken Unterarm die 17, die Nummer des Kapitäns, viel wichtiger aber die Nummer des Lieblingsspielers meiner Mutter.

Was hat das alles mit Toronto zu tun? Meine Mutter hat mich, trotz aller Wechsel, immer mit den Raptors im Kopf behalten, es ist quasi mein Erbe. Deshalb hat es mich ziemlich gebrochen, dass sowohl Dennis, der Lieblingsspieler meiner Mutter, als auch Pascal, mein Lieblingsspieler der Raptors, das Team verlassen haben. Trotzdem habe ich eine irrationale, emotionale Verbindung zu diesem Team nicht nur behalten, sondern eher vertieft. Momente, die ich alle erst in der Retrospektive gesehen habe, sind mir emotional so nah, ob der Buzzer Beater von Kawhi gegen die Sixers oder die Rivalität gegen die Nets.
Meine Zweifel am Team sehe ich jetzt nicht mehr als Zweifel meines Fantums, sondern aus Angst, wieder in die dunklen Zeiten der 2000er abzurutschen. Oder Sorge, was unter der neu strukturierten Ownership und ohne Masai jetzt passieren wird. Aber: Der jetzige Kader fühlt sich so gut an, dass ich simple Dinge wie eine Passtäuschung mit anschließendem Assist von Ingram so toll finde, dass ich es am liebsten jedem, der mir auf der Straße über den Weg läuft, zeigen möchte. Dass ich nicht weiß, von wem ich mir ein Jersey holen werde (am liebsten von jedem, wird aber Barnes, ja, ich bin basic). Auch wenn ich lange versucht habe, es mir auszureden, weil ich idiotischerweise nach besseren oder cooleren Teams gesucht habe, muss und will ich gestehen:

We the North, and I’m a part of it!


Titelbild: Wallpaper kreiert von „Elnaz Tajaddod“ (Link)

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