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Eine Woche Basketball und mehr in „Mile High“

von Patrick (bsky: @PatRascasse)

Ja, ich gebe es zu: Ich bin großer USA-Fan! Moment, bevor einige von euch das Browser Tab wieder schließen: Das hat rein gar nichts mit der aktuellen politischen Führung zu tun oder anderer Vorbehalte, die man zurecht oder vielleicht zu Unrecht gegen das sogenannte Land der unbegrenzten Möglichkeiten hegen kann.

Zu Jahresanfang habe ich an gleicher Stelle über die Eindrücke meiner ersten USA-Reise geschrieben (zum Artikel). Anfang 2024 ging es nach Kalifornien, was mir einen Abstecher nach Sacramento ermöglichte, um das erste Mal NBA-Basketball vor Ort zu erleben. Seitdem lassen die USA mich nicht mehr los. Ein kurzer Trip nach New York mit meiner Partnerin im Herbst desselben Jahres bestätigte mich (und sie natürlich auch) in meiner Faszination für das Land, auch ohne Besuch eines NBA-Games der New York Knicks oder Brooklyn Nets. Die logische Konsequenz folgte an einem verschneiten Donnerstagabend im Januar, als ich am Schreibtisch meine Urlaubsplanung festzurrte:

Zeitlich hatte ich nur eine Woche zu verplanen, weshalb ich eine NBA-Stadt auswählen wollte, die 1. Anfang April möglichst viele attraktive Paarungen bietet, 2. sich kostentechnisch bei Anreise, Unterkunft und Tickets im Rahmen hält, 3. wo kein allzu schlechtes Wetter herrscht und 4. trotzdem einen gewissen Reiz auf mich ausübt. Die großen NBA-Märkte wie Los Angeles oder erneut San Francisco und New York waren damit raus. Miami, Chicago oder Washington? Klar, aus touristischer Sicht haben diese Orte sicherlich mehr zu bieten als viele andere amerikanische Städte.

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Die-Hard Fan einer einzelnen Franchise bin. Ich bin Fan des Spiels, der Spieler und der Liga an sich. Seit 2001 verfolge ich aufmerksam die NBA. Seitdem haben sich aber dennoch Sympathien für die Denver Nuggets, die Memphis Grizzlies und die Miami Heat entwickelt. Schon früh in seiner Karriere hat mich besonders Nikola Jokić mit seinem unorthodoxen Spielstil, der unfassbare Basketball-IQ und seine Evolution des NBA-Basketball mit ihm als Point Center in den Bann gezogen. Er ist mein absoluter Lieblingsspieler. Ich glaube ligaweit unter den Experten und Fans gilt er einhellig als der aktuell beste Spieler der Welt. Wahrscheinlich ist der dreifache MVP aus Serbien auch der beste Spieler seit Beginn der Dekade.

Nach kurzer Überlegung über Sinn und Unsinn des Trips übertraf meine Faszination für Nikola Jokić alle Bedenken und so stand innerhalb weniger Tage die Planung: Flüge, Unterkünfte, Tickets: Alles gebucht. Mile High Basketball in Denver, here I come!

Ende März ging es los. Zwar wurde mit Amtsantritt der neuen Trump-Regierung viel medial über verschärfte Einreisekontrollen und auch über Abschiebungen von EU- und deutschen Staatsbürgern berichtet, meine Einreise via Charlotte verlief jedoch ohne Zwischenfälle. Meine Unterkunft war ein kleines Apartment und befand sich im Highland District, ca. 15 Gehminuten entfernt von Downtown Denver. Die Gegend entwickelte sich während meiner Woche zu meinem gemütlichen Kiez gespickt mit kleinen Restaurants, einer leckeren Eisdiele, an der ich mich mehr als nur einmal versündigt habe, als auch dem Hirshorn Park inklusive Basketballcourt. Gut, dass ich meine Basketballklamotten im Gepäck hatte, denn so konnte ich keine 24 Stunden nach Ankunft meinen Jetlag auf dem kleinen Basketballcourt bekämpfen. Mein Dank gilt Abby, die mich einlud entspannt ein paar Körbe mit Blick auf die Skyline von Denver in der Abendsonne bei gut 20°C zu werfen. Gleichzeitig war es interessant, sich mit ihr über die Stadt und Basketball auszutauschen – besonders, da sie vor ihrer Berufstätigkeit als Krankenschwester am College in Louisiana als Basketballerin aktiv war.

Die Mile High City ist keine riesige Metropole im Vergleich zu anderen US-Städten und bietet auch keine touristischen Sehenswürdigkeiten von Weltrang wie die Golden Gate Bridge, Freiheitsstatue oder das Empire State Building. Insofern habe ich Highlights wie Downtown, diverse Parks, die Altstadt um den Larimer Square und den alten Bahnhof, die Union Station, innerhalb weniger Tage sehr schnell nacheinander, aber in aller Ruhe besichtigt. Dazu gehört – analog zu meinem Sacramento-Ausflug – meine Besuche des Colorado State Capitol sowie des History Colorado Centers. Neben interessanten Ausführungen zur Geschichte von Colorado und Denver bot die Kuppel des Parlaments eine atemberaubende Sicht über die Stadt und ihren gut 700.000 Einwohnern, gesäumt von den schier endlosen und noch schneebedeckten Rocky Mountains im Hintergrund. Ein unvergesslicher Anblick.

Im Zentrum meines Trips standen natürlich zwei NBA-Paarungen, für die ich mir extra Tickets besorgt hatte. Als erstes durfte ich in der Ball Arena das Aufeinandertreffen der heimischen Denver Nuggets gegen die Minnesota Timberwolves sehen. Am Folgetag war ich dann erneut gegen die Spurs aus San Antonio in der Halle.

An beiden Tagen begab ich mich relativ früh – gut zwei Stunden vor Tip-Off – zur Ball Arena. Mit Ernüchterung stellte ich bei Eintreffen vor der Ball Arena fest, dass diese umschlungen ist von riesigen Parkplätzen, die sich mehr und mehr mit den typisch überdimensionierten amerikanischen Autos füllten. Anders als am Golden 1 Center in Sacramento vor gut einem Jahr kamen die Fans im Vorfeld des Spiels hier kaum zusammen um zu feiern und sich auf das Game einzustimmen.

Da ich auch Probleme bei der Installation der US-Version der Ticketmaster-App hatte, wurde ich bei der Einlasskontrolle umgehend an die sogenannten „Ticket Resolution People“ verwiesen. Diese haben Erfahrung mit internationalen Besuchern und so wurde mir gegen Vorlage meiner Rechnung und Buchungsnummer alternativ ein Link per SMS an meine US-Handynummer geschickt, wodurch ich auf mein digitales Ticket zugreifen konnte. Klingt kompliziert, war aber nach wenigen Sekunden abgewickelt.

Die „Ticket Resolution People“ schilderten mir von dieser Problematik, die regelmäßig bei ausländischen Besuchern auftreten. Tatsächlich musste ich feststellen, dass ich nicht der einzige ausländische Gast an beiden Abenden in der Ball Arena war. Wenig überraschend gab es laut Äußerungen des Personals regelmäßig viele serbische Fans, die den weiten Weg nach Denver machen, um ihren Hometown-Hero Jokić zu sehen. Ich machte aber auch Gäste aus Deutschland, Frankreich, Slowenien, Russland und sogar Australien unter den fast 19.000 Nuggets-Fans an den zwei Spieltagen aus.

Meine Plätze für beide Spiele befanden sich im Oberrang, nicht weit entfernt vom Hallendach. Für knapp $80 waren dies gemessen an der Beliebtheit der aktuellen Nuggets und der Bedeutung der Spiele eine gute Auswahl. Ich konnte ohne Probleme alles auf dem Court, die Spieler, das Spielgeschehen und den Jumbotron sehen.

Insbesondere im ersten Spiel gegen die Timberwolves sollte ich im wahrsten Sinne des Wortes auf meine Kosten kommen, denn mehr Glück kann man als Besucher aus der Ferne kaum haben. Sportlich hatte das Matchup große Bedeutung für beide Teams, da beide noch um ihr Seeding kämpften – im ungünstigsten Fall sogar noch ins PlayIn-Turnier rutschen konnten. Die Partie war ein stetiges Auf und Ab zwischen beiden Teams mit 21 Lead-Changes, gefühlt ein Spiel mit Playoff-Intensität. Zwar fehlten auf Seiten der Nuggets mit Jamal Murray und Michael Porter Jr. zwei Schlüsselspieler, trotzdem hat wohl niemand mit solch einer Leistungsexplosion von Nikola Jokić gerechnet. Ausgerechnet an diesem Abend des 01. Aprils war der Joker nicht zu Scherzen aufgelegt und er legte die beste Saisonleistung auf, wenn nicht sogar das (!) beste Spiel seiner gesamten bisherigen NBA-Karriere.

Am Ende konnte er mit 61 Punkten, 10 Rebounds und 10 Assists seine höchste Punkteausbeute verbuchen. Es war zudem das erst dritte 60/10/10 Triple-Double der NBA-Historie! Nach zwei Verlängerung zogen die Nuggets dennoch den Kürzeren gegen die Wolves ohne Naz Reid und Donte DiVincenzo im Lineup. Es war die komplette Russel Westbrook-Erfahrung, der für die Nuggets in der zweiten Overtime erst wenige Sekunden vor Schluss einen offenen Layup vergab, bevor er 0,1 Sekunden vor der Schlusssirene den Wolves-Forward Alexander-Walker bei seinem Dreierversuch foulte. Alexander-Walker traf 2 seiner 3 Freiwürfe, was die 140-139 Niederlage trotz historischer Perfomance des dreifachen MVPs Jokić besiegelte. Insgesamt eine bittere Niederlage für Denver, auch wenn die Nuggets-Fans inklusive mir das Team unerbittlich nach vorne peitschten.

Viel Zeit, sich von diesem Overtime-Thriller zu erholen, gab es nicht, denn schon am Folgeabend ging es gegen die San Antonio Spurs. Bereits vor meiner Reise war klar, dass die Texaner auf ihren jungen französischen Superstar Victor Wembanyama aufgrund einer Venenthrombose in der Schulter den Rest der Saison verzichten mussten. Schade für mich, dass ich den „Alien“ nicht hab spielen sehen. Auch Spurs-Neuzugang De’Aaron Fox fehlte, aber ihn habe ich ja ein Jahr zuvor in Sac-Town bereits gesehen. Aufgrund des intensiven Spiels gegen die Wolves am Abend zuvor verzichteten die Nuggets auf alle ihre etablierten Starter in diesem Back-to-Back Game. Somit kam die zweite Garde zum Einsatz um Russell Westbrook, Jalen Pickett und DeAndre Jordan. Viel Spannung gab es in dem Spiel nicht. Dieses Nuggets-Lineup hatte den Spurs um die Veteranen Chris Paul und Harrison Barnes sowie dem späteren Rookie-of-the-Year Stephon Castle nicht viel entgegenzusetzen. Nuggets-Guard Jaylen Pickett erzielte sein erstes Triple Double mit 17 Punkten, 11 Rebounds und 10 Assists. Russell Westbrook steuerte 30 Punkte bei. Zwischenzeitlich lag Denver mit 20 Punkten zurück, holte das Defizit jedoch bis Anfang des vierten Viertels auf. Schlussendlich gewann San Antonio diese ereignisarme Partie dennoch relativ souverän mit 113-106.

Was ich noch nicht ahnte: Es waren die letzten Spiele von Nuggets Head-Coach Michael Malone. Nach meiner Rückkehr in Deutschland erfolgte der Paukenschlag per Breaking-News von Shams Charania: In Folge zwei weiterer Niederlagen gegen die Golden State Warriors und Indiana Pacers feuerte die Besitzerfamilie Kroenke Coach Malone zusammen mit dem General Manager Calvin Booth, die die Nuggets 2023 zu ihrer ersten NBA-Championship führten. Es war die späteste Entlassung des Head-Coaches eines Playoff-Teams nach bereits 79 von 82 absolvierten Partien.

Was bietet sich an, wenn man zwei so unterhaltsame NBA-Spiele eines seiner Lieblingsteams gesehen hat? Natürlich ein Trip raus in die Natur! Ich mietete mir tagesweise ein Auto, denn auch wenn sich das wechselhafte Wetter in Denver immer weiter abkühlte, wollte ich mir die Schönheit der Rocky Mountains keinesfalls entgehen lassen. Auch hier erfolgten die Buchung und Bezahlung des Mietwagens in Denver und die Abwicklung meines deutschen Führerscheins problemlos. Ich fuhr mit meinem Auto eine Stunde Richtung Süden nahe Colorado Springs zum „Garden of the Gods“. Dieser kostenlose Naturpark bietet eine atemberaubende Formation aus rotem Sandstein am Fuße einer der bekanntesten Gipfel der Rocky Mountains, dem 4300m hohen Pikes Peak. Unter Motorsportfans ist dies einer der bekanntesten Berggipfel der USA. Leider verschlechterte sich im Tagesverlauf die Wetterlage, weswegen ich in weiser Voraussicht nicht mehr ins Hochgebirge der Rockies gefahren bin und stattdessen im Schneetreiben vorsichtig auf völlig überfüllten Highways zurück nach Denver fuhr. Die klischeehafte Roadtrip-Romantik im Schneetreiben wäre jedoch nicht komplett gewesen ohne einen Besuch bei In-N-Out-Burger, meiner Lieblings-Burgerrestaurantkette in den USA. Eine kleine Überraschung bot sich mir zurück in Denver, als ich nach Abgabe des Mietwagens einen Zwischenstopp im Bahnhof, der Union Station machte. Um dem Schneetreiben zu entfliehen, wärmte ich mich etwas in einer Buchhandlung des Bahnhofs auf. Dort entdeckte ich eine Biografie über Nikola Jokić mit dem ikonischen Titel „Why So Serious?“, geschrieben von Journalist Mike Singer (Link zu good-reads), die ich mir auch umgehend kaufte.

Nach dem Spurs-Spiel ging es für die Denver Nuggets auf einen Auswärtstrip. Deshalb hatte ich mir an meinem letzten Tag vorgenommen, ein Baseballspiel mitzunehmen. An diesem Freitag stand ein Game des heimischen MLB-Teams, der Colorado Rockies, an. Generell nahm ich während meiner Woche in Denver mehr Begeisterung für die Rockies wahr, als für die parallellaufende NHL-Saison der Colorado Avalanche und natürlich der Denver Nuggets. Wahrscheinlich war dies aber der Tatsache geschuldet, dass dies der Home Opener des notorischen MLB-Unterdogs war. Lange vor dem Spiel fanden riesige Block Partys in den Bars und Restaurants in unmittelbarer Nähe zum Coors‘ Field, dem Ball Park der Rockies, statt. Dabei hätten auch an diesem Tag die Wetterbedingungen nicht ungünstiger sein können. Lokalen Nachrichtensendern zur Folge war das Spiel eines der kältesten Rockies- und MLB-Spiele überhaupt. Schlau war es wahrscheinlich nicht, sich über mehr als 5 Stunden bei -2°C auf der Tribüne des Coors‘ Field den Allerwertesten abzufrieren, zumal das Spiel in Extra Innings ging.

Ich kann jeden verstehen, der mit einer gehörigen Portion Befremdnis auf Baseball blickt und als langweiligen Sport abtut. Aber wenn man einmal die Regeln versteht, kann ich persönlich dem Sport durchaus einiges abgewinnen. Zudem kam ich mit meinem Sitznachbar Ronnie in der Eiseskälte ins Gespräch und wir begossen die Rockies Niederlage gegen die Oakland Athletics (beheimatet in Sacramento, wenn ihr wissen wollt wie man den Umzug einer Franchise vergeigt, dann googelt mal „Oakland Athletics Relocation“) mit ein, zwei Bier in einer der umliegenden Bars.

Emotional wurde es bei der Verabschiedung vom Denver Local Ronnie, der mir als Andenken seine Denver-Kappe schenkte. Diese tolle Geste ließ mich als glatzköpfigen Kappen-Freak wortlos und dankbar zurück. Am nächsten Morgen stand bereits der Rückflug nach Deutschland an und so endete ein unglaublich eindrucksvoller, schöner Solotrip nach Denver.

Mein Fazit im Vergleich zu meinem ersten NBA-Besuch in Sacramento hat sich wenig verändert. Es ist eine wunderbare Erfahrung, die sich hundertprozentig lohnt, auch wenn es vielleicht für Außenstehende, die wenig mit Basketball und US-Sport anzufangen wissen, absurd anfühlt, extra Zeit und das Geld in die Hand zu nehmen, nur um gut zweieinhalb Stunden Basketball live in einer Halle zu sehen. Es ist ein anderes, ein besseres Gefühl, den für mich (sorry!) geilsten Sport der Welt live zu erleben als daheim an Fernseher oder PC.

Mit Blick auf meine bisherigen US-Reisen nach Kalifornien und New York habe ich für mich festgestellt, dass Denver und Colorado die sogar schönste Stadt und Region der USA sind, die ich bisher gesehen habe. Trotz des zunehmend rauen politischen und gesellschaftlichen Klimas in den USA schätze ich, wie mich die „Denverites“ davon unberührt mit ihrer weltoffenen, liberalen und gastfreundlichen Art willkommen geheißen haben. Da wetterbedingt durch den Wintereinbruch meine Ausflüge in die Natur etwas zu kurz gekommen sind, würde ich gerne nochmal in die Mile High City reisen. Idealerweise mache ich das aber dann, wenn auch tatsächlich wieder Mile High Basketball auf dem Plan steht. Es muss auch nicht wieder zwingend 60 Punkte Triple Double des Jokers sein.


Fotos: © Patrick Kleineaschoff

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