Gleich zu Beginn eine Anekdote: Als ich nach dem Pistons-Spiel (95:105) im Sixers-Jersey durch South Philly zum Apartment lief, rief mir eine Dame „Go Sixers“ zu. Daraufhin entgegnete ich, dass es nicht so gut lief. Ihre herzlich-trockene Reaktion: „It doesn’t have to be.“
Und genau das: Es muss nicht immer gut laufen und so frustrierend es mit dem Team oft ist – die meisten Sport-Fans in Philadelphia sind leiderprobt und halten trotz allem zu ihren Teams. Egal, ob die Eagles, Phillies, Flyers oder eben 76ers.


Fakt ist: Die Saison der 76ers ist eine einzige Katastrophe. Und was soll ich sagen: Schon Ende November war das irgendwie absehbar, als ich bereits für einen Haken hinter den Saisonzielen plädierte. Kurze Zeit später musste RoY-Kandidat Jared McCain seine Saison beenden.
Nun befinden wir uns im Frühjahr, es gab einige Trades, Joel Embiid wird nicht mehr auflaufen und die Playoffs sollte niemand mehr in den Mund nehmen, der es mit den 76ers hält. Da sind sich alle Experten einig. Und auch den Fans ist bewusst: Jetzt geht es wirklich nur noch darum, den geschützten Pick (1-6) zu behalten.
Womit wir zum paradoxen Fan-Dasein in dieser Konstellation kommen: Ein Ballgewinn in der Verteidigung, zwei Dreier in Folge, das Ziehen eines Offensivfouls, ein optimal ausgespielter Fastbreak oder ein Lauf während des Spiels – all das sind Momente, die zu Siegen führen können. Nur ist es genau das, was 76ers-Fans in dieser Saisonphase nicht wollen: Gewinnen. Denn Siege bedeuten einen besseren Tabellenplatz und der wiederum eine geringere Chance auf einen hohen Draftpick in der Lottery am 12. Mai 2025. Damit sind die Fans der 76ers natürlich nicht allein. Gerade mit dem kommenden Draftjahrgang vor Augen wünscht sich jede Franchise im Tabellenkeller einen frühen Pick.
Bei den 76ers kommt erschwerend hinzu: Wird ihnen der 7., 8. oder ein noch späterer Pick zugelost, wechselt dieser zu den Oklahoma City Thunder. Der absolute Worstcase – kein Playoffbasketball und kein Draftpick im Sommer.

Soweit, so bekannt. Schräg wird es als Fan. Normalerweise möchte man sein Team gewinnen sehen – möchte man sehen, dass die Spieler alles auf dem Hartholz lassen. Beim gestrigen Spiel in Toronto ertappte ich mich erstmals dabei, zwar gelungene Aktionen zu genießen, gleichzeitig aber den Spielstand im Blick zu behalten und erleichtert festzustellen, dass die Raptors genügend Vorsprung haben.
Die Niederlage? Gut für die 76ers. Und ja: Schon den Sieg gegen Utah nahm ich mit gemischten Gefühlen wahr. Am Ende sind es eben diese Spiele gegen direkte „Konkurrenten“, die entscheidend sein können.
So wird es bis zum Saisonende weitergehen: Die vielen Ausfälle ebenso wenig beklagen wie die ein oder andere Niederlage und darauf hoffen, dass es für einen Pick zwischen 1-6 reicht. Und gleichzeitig an die guten Geschichten (z.B. Guerschon Yabusele und Justin Edwards) oder Spiele denken, wie den Sieg in Boston.
Und trotz allem bleibt es auch für mich dabei – die 76ers sind mein Team, seit 1996. In dem Sinne: Go Sixers! Nur eben jetzt nicht mehr ganz so „erfolgreich“.
