von Lukas Spinnler 1
Allen Iverson, LeBron James, James Harden, Luka Dončić – die Liste der offensiven Stars in der NBA mit Monster-Usages, wird seit Jahren immer länger. Während 2003/04 nur rund sechs Spieler eine Usage-Rate von 30% oder mehr hatten, sind es rund 20 Jahre später mittlerweile 14 Spieler, die dieses Kriterium erfüllen. Die Entwicklungen innerhalb der Liga, die dazu führten und inwiefern es überhaupt möglich ist, mit einem “heliozentrischen” System den Titel zu gewinnen, wird bereits seit Jahren in Fachkreisen diskutiert.
Die Frage, die ich mir hier jedoch stelle, ist, welche (Micro) Skills für eine solche offensive Rolle essenziell sind und ob sich hier Muster erkennen lassen, was erfolgreiche High-Usage-Creation ausmacht.
Hier wären wir direkt bei meinem gewählten Vergleich: Cade Cunningham. Der 1. Pick von 2021 sollte der nächste im erlesenen Kreis der Jumbo-Ballhandler sein – mit einem bulligen 6’6 Frame (1.98m), elitärem Passing und beeindruckenden Touch. Er befindet sich auch jetzt schon im vorher angesprochenen “Club” der 30+% Usage-Spieler, hat in dieser Gruppe jedoch die niedrigste TS%, das zweitniedrigste Offensiv-Rating und den zweit niedrigsten BPM, nur hinter dem Gedächtnis-Bench-Microwave-Scorer Cam Thomas.
Das heißt, Cade schultert zwar eine Superstar-Usage, tut dies aber (noch) nicht effizient genug um den offensiven Impact seiner Peers zu haben. Doch liegt das an dem Team-Kontext der Pistons? Oder fehlen ihm einfach gewisse Microskills, die normalerweise Perimeter-Superstars haben müssen?
Als Referenzgruppe werde ich mir Perimeter-Spieler mit einer 30+% Usage-Rate anschauen, die aber auch ein individuelles Offensiv-Rating von mindestens 116 haben. Kein perfekter Gradmesser aber wahrscheinlich der beste Boxscore-Stat um Scoring- und Playmaking-Effizienz zu messen.
Damit kommen wir heraus bei:
Luka Dončić, Shai Gilgeous-Alexander, Jalen Brunson, Donovan Mitchell, Trae Young, Jayson Tatum und Stephen Curry.
Doch was könnten diese Spieler gemeinsam haben und was sind die Faktoren, die sie vom Rest abheben?
1. Physische/athletische Attribute
Zuerst wende ich mich den physischen und athletischen Tools zu. Aber was heißt das denn genau? Man könnte meinen, dass wir hier von “Run and Jump”-Athletik sprechen. Aber dann würde einem schnell auffallen, dass die in dieser Liste kaum vorhanden ist. Die einzigen Spieler, die in diesem Bereich meiner Meinung nach überdurchschnittlich sind, sind Tatum, Mitchell und mit Abstrichen SGA und Trae (da jedoch eher vertikal als horizontal). Doch wie schaffen es diese Spieler konstant Seperation zu kreieren? Der Kern sind hier „de-/acceleration“ und „lower body/ankle flexibilty“. Vor allem Brunson, SGA und Luka sind Meister darin, konstant abzustoppen, die Richtung zu wechseln und dann ihren Mann zu schlagen. Abgesehen von einem elitären Handle (auf was ich später zu sprechen komme) ist es dafür essenziell, sehr flexibel im Knöchel zu sein und direkt nach einem Plant wieder starten zu können um seinen Mann zu schlagen.
Ein weiterer Common-Ground (abgesehen von Trae und mit Abstrichen Mitchell) ist elitäre funktionale Kraft. Vor allem „deceleration“ ist um einiges effektiver, nachdem man bereits Kontakt mit dem Gegner aufnimmt – durch einen kräftigen Körper kann man nicht konstant von seinen Spot gebumpt werden und so Kontakt am Korb absorbieren.
Cade fehlt es ebenso an dieser elitären „jump and run ability“, was aber wie bereits dargelegt kein Todesurteil sein muss. Sein Problem ist jedoch, dass auch die funktionale Athletik nicht elitär ist. Die „deceleration“ und Kraft sind durchaus da aber es fehlt an der Fähigkeit, seine „change of space“ zu leveragen. Außerdem ist er ebenfalls kein elitär kräftiger Spieler wie Tatum, geschweige denn Luka.
2. Spielerische Attribute
Der offensichtliche gemeinsame Nenner bei diesen Spielern ist erst einmal der elitäre Touch, denn jeder aus dieser Liste ist ein mehr als fähiger Shooter. Die Wurfprofile sind jedoch recht verschieden.
Während wir mit Steph Curry all-time outlier Dreier-Shooting haben sind Tatum und Mitchell eher Morey-Ball orientiert, also mit vielen Dreiern und Abschlüssen am Korb. Luka, SGA und vor allem Brunson hingegen machen sehr viel Schaden in der Midrange, da scheint es also keine klar richtige Antwort zu geben, welchen Shotmix es braucht. Was jedoch ebenso all diese Spieler vereint, ist ein absolut elitäres Handle – diese Liste liest sich praktisch wie ein Ranking der funktionalsten Ballhandler der Liga. Konstant den Ball an Nail-Help und Digs vorbei zu manövrieren ist vielleicht DER Superstar-Skill der Liga. Denn erst dadurch kommt man nach belieben an jeden Spot auf dem Feld. Diese Spots mögen zwar von Spieler zu Spieler variieren aber ein elitäres Handle ist genau das Werkzeug, was es braucht um an die benötigten Würfe zu kommen – vor allem bei einer nicht elitären Athletik. Daher scheint es logisch, dass der Spieler mit dem “schlechtesten” Handle der Liste Jayson Tatum der auch gleichzeitig beste “klassische” Athlet ist.
Cade hat ebenfalls einen guten Touch – die Freiwurfquote liegt im hohen 80er Bereich und der Dreier fiel auch bei guter Quote und solidem Volumen. Das größere Problem ist hierbei sein Handle, welches zwar gut ist aber eben nicht in diesen elitären Sphären schwebt. Zu häufig muss er das Dribbling zu früh aufnehmen oder wird bei seinen Moves gebothered.
3. Psychische Attribute
Hier begebe ich mich jetzt auf eher dünnes Eis, denn psychische Faktoren auf dem Basketball Feld lassen sich schwer quantifizieren aber ich denke, dass sie vor allem in Sachen Mindset durchaus eine Rolle spielen.
Was wir nämlich bei Superstar Ball-Handlern sehen, ist konstante Aggression wenn es darum geht, die bestmöglichen Würfe für sich und seine Mitspieler herauszuspielen. Egal ob es Curry ist, der jede Possession Dreier huntet oder Luka, der das PNR seziert um Lobs zu finden – beide vereint ein grundsätzliches Mindset.
Ein weiterer Indikator dafür ist, dass bis auf Curry jeder Spieler aus der Liste eine Freiwurfrate von über 30% hat – ein sehr hoher Wert. Natürlich hängt dieser Stat von viel mehr Faktoren ab als nur von “Aggressivität” aber generell gehört das Freiwürfe-Ziehen eben auch zu einem sehr wichtigen Skill, wie man etwa bei Trae oder Brunson sehen kann.
Bei Cade sehe ich eben diese fehlende Aggressivität in seinem PNR-Game als mit seine größte Schwäche. Häufig settlet er für lange Midranger obwohl „higher risk/higher reward“ Reads verfügbar wären. Diese Würfe trifft er bei einer respektablen Quote (45% aus der Midrange, 67th Percentile) aber dennoch etwas hinter den elitären Shootern wie Luka (48%), Brunson (49,8%) und SGA (50,7%). Außerdem ist seine Freiwurfrate um einiges niedriger und liegt nur bei 23,5%.
Fazit:
Wird Cade Cunningham jemals auf die Stufe dieser Spieler kommen? Höchstwahrscheinlich nicht. Dafür gibt es in Sachen Tendenzen zu viele verschiedene Aspekte, an denen er arbeiten müsste und selbst dann könnte das athletische Profil immer noch nicht ausreichen. Cade muss jedoch kein 30-und-8-Helioguard werden, um ein extrem wertvoller Spieler zu sein.
Dafür gibt es genug andere Facetten seines Spiels, die sehr gut skalierbar sind (schnelles Processing, smarte Defense sowohl on- als auch off-ball usw.).
Dieser Artikel soll also nicht als Kritik an Cade verstanden werden. Er ist noch immer jung (22) und man sollte wahrscheinlich nie davon ausgehen, dass ein 18/19-Jähriger ein sure fire All-NBA-level „initiator“ wird. Stattdessen will ich hier verdeutlichen, wie breit das Skillset der offensiven Superstars mittlerweile ist und welche Microskills (zumindest meiner Meinung nach) am relevantesten für deren Erfolg sind.
- Lukas Spinnler (Twitter/X: @luc_0381) ist alleiniger Verfasser des Textes. Lediglich die Bild-/Videoauswahl und eine redaktionelle Überarbeitung liegen in der Verantwortung von Marcel Eggstein. ↩︎
